Mehrwert dank logischen Daten im gesamten Patientenpfad

17. März 2020

Gemeinsam mit dem Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie (WIG) der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat die APP ein von der InnoSuisse unterstütztes Projekt umgesetzt.

Während die APP als Auftrag- bzw. Impulsgeberin fungierte, haben Prof. Dr. Alfred Angerer mit Sarah Schmelzer und Laura Meierhof von der ZHAW den Patientenpfad bei einem Herzinfarkt aufgenommen, visualisiert und den Datenbedarf entlang des gesamten Prozesses analysiert.

Die Motivation der APP bei dem gemeinsamen Projekt war, herauszufinden wie ein Patientenpfad End-to-End aufgenommen und optimiert werden kann. Dabei war es wichtig alle Akteure sowie die relevanten Datenpunkte zu beleuchten.

Digitalisierung an der Schnittstelle zwischen Daten und Abläufen vorantreiben

Von den Vorteilen der Digitalisierung wird aktuell im Schweizer Gesundheitswesen noch nicht genügend profitiert. Die Vielzahl an Akteuren entlang von komplexen Prozessen und deren spezifischen Bedürfnisse macht ein harmonisches Vorantreiben von eHealth schwierig. Als Konsequenz arbeiten sowohl medizinische als auch administrative Fachpersonen nicht selten mit veralteten Technologien und folgen physischen statt digitalen Abläufen. Dies führt zu hohem administrativem Aufwand, Fehlern bei der Datenerfassung, Frust bei der medizinischen Belegschaft sowie auf hohem Niveau weiter steigenden Kosten für das Schweizer Gesundheitssystem und somit auch für die Patientinnen und den Patienten als Prämienzahlende.

Auf Bundesebene wurde Ende 2018 mit der Strategie eHealth 2.0 bestätigt, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen «ein zentrales Instrument für das Erreichen wichtiger gesundheitspolitischer Ziele, insbesondere bei der Behandlungsqualität, Patientensicherheit, Effizienz, koordinierten Versorgung und Interprofessionalität ist». Um die langfristigen Ziele erreichen zu können, wurden drei Handlungsfelder ausgearbeitet und insbesondere das zweite Handlungsfeld «Digitalisierung abstimmen und koordinieren» unterstreicht die Wichtigkeit einer vernetzten, abgestimmten Kommunikation, bei welcher Daten mehrfach genutzt werden. (1)

Ebenfalls in diese Richtung zielt die vom EDI eingesetzte, internationale Expertengruppe «Kostendämpfung». Sie haben 2017 einen Bericht für «Kostendämpfungsmassnahmen zur Entlastung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP)» zuhanden von Bundesrat Alain Berset verfasst. Darin wurden gesamthaft 38 und davon 17 unmittelbar umzusetzende Massnahmen erarbeitet. Diverse Vorschläge haben Bezug zu eHealth, wobei die Massnahme «Leerläufe durch doppelte und fehlerhafte Datenerfassung verhindern» den Fokus auf einen intelligenten und logischen Umgang mit Daten im Gesundheitswesen legt. Damit soll einerseits die Effizienz und andererseits die Patientensicherheit gesteigert werden. (2)

Die Kombination aus smarter Nutzung von logischen Daten und schlanken, modernen Prozessen kann erheblich zu einer erfolgreichen Entwicklung von eHealth in der Schweiz beitragen. Bereits heute werden im Gesundheitswesen grosse Datenmengen generiert, die in medizinischen Prozessen genutzt, jedoch selten weiterverwendet oder ausgewertet werden. Dies liegt zum einen daran, dass es medizinisch nicht immer sinnvoll ist, gewisse Daten mehrfach zu verwenden. Andererseits werden Abläufe mehrheitlich in den verschiedenen Silos der einzelnen Akteure statt übergreifend betrachtet. So nehmen alle Akteure im Schweizer Gesundheitswesen, teilweise dieselben, Patientendaten oftmals individuell auf.

Das elektronische Patientendossier (EPD) legt die Grundlage für einen künftig einheitlichen Austausch behandlungsrelevanter Informationen zwischen den Akteuren. Jedoch achten die EPD-Hauptakteure bei der Einführung in der Regel auf die eigenen Prozesse, da ein gesamtheitlicher Ansatz entlang gesamter Patientenpfade komplex ist und das EPD mit unstrukturierten Daten arbeitet. Eine übergreifende Analyse zu den Prozessen und Daten sowie deren Bedürfnissen existiert heute selten. Somit bleibt das grosse Potential, Patientendaten über Institutionsgrenzen verwenden zu können, weitgehend ungenutzt.

Unsere eigenen Erfahrungen im eHealth bestätigen die politische Wahrnehmung, dass einerseits die Datenerfassung und andererseits die Datennutzung verbessert werden muss. Aus der Praxis wird ein dringender Nachholbedarf bezüglich interoperabler Prozesse inklusive einheitlicher Semantik und Datenqualität wahrgenommen. Aus unserer Stammdienstleistung Prozessoptimierung und -management heraus kennen wir zudem die sehr individuellen Herausforderungen, um die eigenen Abläufe möglichst effektiv und effizient zu gestalten. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Daten und Prozessen wurde eine Zusammenarbeit mit der renommierten Hochschule ZHAW ins Leben gerufen. Gemeinsam sind wir der Fragestellung nachgegangen, wie ein Patientenpfad mit zahlreichen Akteuren gesamtheitlich und aus einer Daten-Perspektive betrachtet werden kann.

Patientenpfad Herzinfarkt als Referenzprozess zur strukturierten Datenanalyse

Als Patientenpfad wird der gesamte Behandlungs- und Betreuungsprozess einer Patientin bzw. eines Patienten, einschliesslich aller involvierten Akteure, beschrieben. Der ausgewählte Patientenpfad «Herzinfarkt» hat Bezug zu zahlreichen Gesundheitsleistungserbringern, ist komplex in der interdisziplinären Zusammenarbeit und eines der häufigsten Krankheitsbilder der Schweiz.

Ausgangspunkt für die Analyse der Datenpunkte war die Modellierung eines standardisierten Patientenpfads als Referenzprozess. Die Konstruktion dieses Pfades sollte ermöglichen, die auszutauschenden Datenpunkte (medizinische und nicht-medizinische Daten) zu identifizieren und die Bedürfnisse der Prozesse an die Daten abzuleiten. Mit der Arbeit sollte die Untersuchung aus der Perspektive der medizinischen Prozesse getrieben werden und nicht wie oft aus der informatisch-technischen Datenperspektive. Die zu analysierenden Datenpunkte sollten also aus den Bedürfnissen der medizinischen Prozesse entstehen und nicht umgekehrt. Dadurch sollen entlang des Patientenpfades interdisziplinäre Behandlungsprozesse optimiert und eine koordinierte Versorgung gefördert werden. Von einer möglichen Qualitätssteigerung des Behandlungsprozesses profitieren sowohl Herzinfarktpatienten und deren Angehörige als auch Mitarbeitende der zahlreichen Leistungserbringer entlang des Patientenpfades.

Das Resultat wurde nun durch die Kollegen der ZHAW in der Ausgabe 04/2020 der Competence (3) publiziert. Nachfolgend werden die wichtigsten Erkenntnisse zusammenfassend zitiert.

  • Es existieren Standards und Leitfäden, an welchen sich die medizinischen Handlungen der Leistungserbringer ausrichten, damit eine qualitativ hochwertige Diagnostik und Therapie erfolgen kann. Aber auch wenn der medizinische Prozess standardisiert ist, gibt es keine Leitfäden für die standardisierte Informationsdokumentation und -weitergabe. Obwohl ein definierter Behandlungspfad zugrunde liegt, ist ein standardisierter Datenaustausch zwischen den Leistungserbringern nicht gegeben.
  • Vielfach bestehen die Dokumente aus einer Aneinanderreihung der Befunde der letzten Jahre, welche von einem Leistungserbringer elektronisch oder postalisch an den Nächsten weitergeleitet werden. Der empfangende Leistungserbringer hat dann die mühevolle und aufwändige Aufgabe die, für seine Behandlungsaktivität, wichtigen Informationen in diesen unstrukturierten Daten zu identifizieren und ins Dokumentationssystem zu übertragen. Die Daten werden mehrfach erhoben und unstrukturiert ausgetauscht, was einerseits zu Fehleranfälligkeiten und andererseits zu Zeitverlusten führen kann. Im Falle des Herzinfarktes führt der Zeitverlust und damit zu potentiellen negativen Auswirkungen auf den Behandlungserfolg.
  • Beim Austausch behandlungsrelevanter Informationen besteht Optimierungspotential. Neben einer engeren Zusammenarbeit der Akteure, braucht es ein gemeinsames Verständnis über die Art und Struktur der behandlungsrelevanten Informationen und einen standardisierten Prozess zum Informationsaustausch.

Gesund digitalisieren und Gesundheitsdaten erfolgreich nutzen

Mit dem Abschluss des spannenden Projektes mit der ZHAW beginnt nun die Zeit, auf das dringende eHealth Thema aufmerksam zu machen, um die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzutreiben. Die APP ist überzeugt, dass im intelligenten Handling von Prozessen in Kombination mit Daten viel Potential steckt. Die Resultate konnten den Optimierungsbedarf deutlich aufzeigen. Um das vollständige Potential identifizieren zu können, wird empfohlen, zukünftig institutionsübergreifend zu analysieren, welche gemeinsamen Gesundheitsdaten wo entlang des Patientenpfades bei welchen Gesundheitsakteuren benötigt werden. Weiter soll ermittelt werden, welchen Standards diese Daten entsprechen müssen und wo die Datenhoheit liegen sollte. Dies konnte mit dem gemeinsamen Projekt nicht abschliessend beantwortet werden und der eigentliche Nutzen strukturierter Datenerhebung und -nutzung kann mit weiterer Forschung sowie gemeinsamen Dialog erst richtig entfaltet werden.

Die APP unterstützt auch zukünftig diverse Gesundheitsakteure, die Digitalisierung sinnstiftend einzuführen, zu leben und weiterzuentwickeln. Für eine solche «gesunde Digitalisierung» sind, neben anderen wichtigen Faktoren, Daten von erheblicher Bedeutung. So lassen sich Systeme integrieren, die im Alltag einen Mehrwert bringen und den Behandlungsalltag wirksam unterstützen. Es können vernetzte Lösungen eingeführt werden, welche die Interoperabilität zwischen den zahlreichen Gesundheitsakteuren fördern. Medizinische sowie administrative Abläufe können automatisiert sowie standardisiert werden, um die Patientensicherheit und Behandlungsqualität zu erhöhen.

Möchten Sie mehr über dieses spannende Thema erfahren oder wissen, wie die APP auch Sie bei einem herausfordernden Vorhaben unterstützen kann? Wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme.

Quellen

(1) BAG, Strategie eHealth Schweiz 2.0

(2) BAG, Krankenversicherung: Kostendämpfung

(3) Competence, Ausgabe 04/2020

  • Kategorie
    Fachbeiträge

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