Open Banking in der Schweiz: heute und morgen (Teil 2)

24. Januar 2023

Im ersten Teil unserer Open Banking Beitragsreihe haben wir den Begriff eingeordnet und dessen Anwendungsmöglichkeiten aufgezeigt. In diesem Beitrag stellen wir die gegenwärtige Situation in der Schweiz vor und wagen einen Blick in die Zukunft des Open Bankings. Welches Potenzial birgt Open Banking noch und was bedeutet dies für die Zukunft?

Open Banking in der Schweiz: Stand 2023

Der Open Banking Ansatz in der Schweiz steht aktuell an einem Scheideweg. Von den Stakeholdern aus dem Privatsektor, insbesondere von den traditionellen Finanzinstitutionen, wird erwartet, dass sie die Standardisierung und Öffnung der Schnittstellen in einem freien Markt vorantreiben. Sollte jedoch die Entwicklung auf dem Markt zu langsam vonstattengehen oder nicht genügend weit reichen, wird das Open Banking durch einen regulatorischen, verpflichtenden Ansatz bestimmt werden. Ein solcher wird beispielsweise im europäischen Raum mit der PSD2 Regulation (Revised Payment Services Directive) bereits explizit verfolgt.

Gegenwärtig wird in der Schweiz noch auf den marktgetriebenen Ansatz gesetzt. Unter der Leitung des Finanzdepartements des Bundes werden aber bereits heute zusammen mit Stakeholdern aus der Branche konkrete Ansatzpunkte zur Förderung von Open Banking im Rahmen von vierteljährlichen Strategieforen diskutiert (Bundesrat, 2022). Ein Knackpunkt dabei ist insbesondere die Regulierung des Zugangs für nicht regulierte Institute zu den Kund:innenendaten der etablierten und regulierten Institute. Sollte sich in den kommenden Monaten und Jahren zeigen, dass die Schweiz trotz ihrer Massnahmen mit dem Ausland nicht mithalten kann, wird ein entsprechender Paradigmenwechsel hin zu mehr Regulation vollends vollzogen.

Open Banking in der Schweiz: Akteure und deren Bedeutung

Wenn es um Open Banking in der Schweiz geht, haben die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) und Swiss Fintech Innovation (SFTI) eine hohe Bedeutung. Während SFTI die fachlichen und technischen Grundlagen und Empfehlungen in Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Stakeholdern erarbeitet, übernimmt die SBVg eine koordinierende Rolle gegenüber Politik, Behörden und Öffentlichkeit. Durch die Zusammenarbeit der beiden Akteure und dem Einbezug von wichtigen Stakeholdern soll der marktgetriebene Ansatz über genügend Tragkraft verfügen.

Eine weitere wichtige Rolle im Open Banking in der Schweiz spielt die SIX (Swiss Infrastructure and Exchange). Die SIX ist für den Betrieb der Finanzplatzinfrastruktur in der Schweiz und Spanien zuständig und erbringt Dienstleistungen in den Bereichen Kapitalmarkt, Finanzinformation und Bankdienstleistungen. Ausserdem ist die SIX für den Aufbau einer digitalen Infrastruktur auf dem Finanzmarkt zuständig. So betreibt sie im Bereich Open Banking seit 2020 die Plattform bLink.

Mit bLink wird der Ansatz verfolgt, dass anstelle von vielen einzelnen, bilateralen Schnittstellen eine zentrale Plattform zum Austausch der Daten zur Verfügung steht. Dies erhöht die Skalierbarkeit des Open Bankings in der Schweiz massgeblich. Aktuell werden auf bLink fünf APIs angeboten, zwei von Swiss Fintech Innovations im Bereich Account & Payments und drei im Bereich Open Wealth von der gleichnamigen Initiative. Die bLink-Plattform stellt nebst einer standardisierten Schnittstelle und einem einheitlichen, modularen Vertragsaufbau auch eine digitale Zulassungsprüfung für Drittanbieter zur Verfügung. Bei dieser Zulassungsprüfung handelt es sich um einen digitalen Fragekatalog, in welchem verschiedene Zulassungskriterien aus den Bereichen Business und Technik geprüft werden.

Dies ist ein möglicher Lösungsansatz für die bereits beschriebene Problematik des Zugangs zu Daten von Kundinnen und Kunden durch nicht regulierte Institute. Die Dienstleistungen der bLink-Plattform haben nebst Skalierungsvorteilen auch positive Effekte für die einzelnen Open Banking Teilnehmer, da insbesondere Zeit und Kosten für den Aufbau der Zusammenarbeit eingespart werden können. Durch die Kooperation mit verschiedenen API-Hubs (Swisscom, Inventx und Finnova) ermöglicht SIX den meisten Schweizer Finanzinstituten die Anbindung an bLink. Aktuell sind bankseitig die UBS, Credit Suisse, Zürcher Kantonalbank und St. Galler Kantonalbank auf bLink vertreten. Bis Ende 2023 sollen aber mindestens zehn Banken auf bLink aktiv sein.

Eine Alternative zu bLink bietet das Open Banking Project mit der Swiss NextGen API. Hierbei handelt es sich um eine Plattform, die eine leicht angepasste Version des PSD2 Frameworks von der Berlin Group nutzt. Dies erlaubt die einfache und effiziente Anbindung von europäischen Lösungen an Schweizer Partner auf der Plattform. Auch zukünftige Entwicklungen der Berlin Group werden integriert sein, was zu längerfristiger Sicherheit beiträgt. Ein Beispiel einer erfolgreichen Zusammenarbeit über NextGen API von Open Banking Project ist die Berner Kantonalbank (BEKB) mit Contovista. Mithilfe von Datenanalysen von Contovista kann die BEKB die digitale Bankingerfahrung ihrer Kund:innen optimieren und Einblicke gewinnen, die umgesetzt zu einer Verstärkung der Kund:innenbindung führen.

Open Data: Die logische Weiterentwicklung

Open Banking hat eine vielversprechende Zukunft. Gemäss einer Studie des Instituts für Finanzdienstleistungen IFZ von der Hochschule Luzern HSLU haben sich bisher zwar erst 17 % der Finanzinstitute mittels API gegenüber Drittanbietern geöffnet, 63 % der befragten Unternehmen gaben jedoch an, dass eine solche Öffnung geplant ist. Dies führt nicht nur dazu, dass immer mehr Finanzinstitute Dienstleistungen des Open Bankings für ihre Kund:innen ermöglichen und damit zu deren Verbreitung beitragen – die Einsatzmöglichkeiten klassischer Open Banking Anwendungen werden aufgrund von technologischen und regulatorischen Entwicklungen damit ebenfalls ausgeweitet und weitere Use Cases werden dazu kommen.

Im Rahmen dieser Ausweitung wird sich Open Banking vermehrt den grundlegenden Prinzipien von Open Data angleichen. Dieser Trend wird neue Möglichkeiten eröffnen, die über die Kerndienstleistungen einer Bank wie beispielsweise den Zahlungsverkehr hinausgehen. Durch die Zurverfügungstellung von Finanzdaten gegenüber Dritten können aus solchen Kollaborationen vielfältige Dienstleistungen entstehen. Welche Kollaborationen eingegangen werden müssen, um den grössten Kund:innennutzen zu generieren, gilt es herauszufinden, denn kreative Lösungen werden vom Markt belohnt.

Ein potenzieller Anwendungsfall könnte sein, dass der Energieverbrauch oder die Umweltbelastung von finanziellen Aktivitäten transparent gemacht und diese von Kund:innen im Rahmen einer direkten Kompensation ausgeglichen würden. Nebst klassischen Finanzdaten (z. B. Zahlungen), wie dies im klassischen Open Banking der Fall ist, werden in einem solchen Szenario auch Daten aus weiteren Quellen in einen Use Case miteinbezogen. Durch die Verknüpfung von Finanzdaten mit Ökobilanzdaten könnte in diesem Fall eine Dienstleistung für umweltbewusste Kund:innen angeboten werden, die für sie bequem ist und dem Institut einen positiven Einfluss auf die Markenwahrnehmung bringt.

Digitale Kompetenzen und organisatorische Auswirkungen

Damit diese neuen Modelle Einzug halten können, müssen Finanzinstitute insbesondere ihre digitalen Kompetenzen erhöhen und zukünftig datenbasierter agieren. Dafür sind nicht nur technologische Entwicklungen notwendig, sondern auch organisatorische. Gerade diese organisatorischen Aspekte sind keinesfalls zu unterschätzen, wie unsere Fachbeitragsreihe zum Thema Organisational Change Management zeigt.

Gerade bei der Umsetzung von Open Data Use Cases werden einige grundlegende Themen nochmals konkret aufgeworfen, die auch durch strategische Ausrichtungsentscheide herbeigeführt werden müssen. Mit steigendem digitalem Angebot muss beispielsweise das Geschäftsstellennetz weiter ausgebaut oder neue Mitarbeitenden mit entsprechendem Fach-Know-how eingestellt werden. Diese Ressourcenbereitstellung wird aber auch dazu führen, dass Banken in Zukunft auf einem bereits umkämpften Fachkräftemarkt agieren müssen. Wie auch in Bezug auf andere Digitalisierungsthemen, müssen sich Finanzinstitute in den kommenden Jahren wandeln, um weiterhin den Bedürfnissen der Kund:innen gerecht zu werden.

Interessiert Sie das Thema? Lesen Sie doch unsere bisherigen Fachbeiträge zum Thema Open Banking: Wie Sie Open Banking sinnvoll anwenden (Teil 1) und Open Banking in der Schweiz: Bedrohung oder Opportunität?
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