In der Funktion als Business Analyst:in sind widersprüchliche Anforderungen unterschiedlicher Stakeholder an der Tagesordnung. Unterschiedliche Prioritäten, Perspektiven oder Fachsprachen können zu Konflikten führen, die nicht nur die Effizienz eines Projekts beeinträchtigen, sondern auch die Akzeptanz der finalen Lösung gefährden.

Unter einem Konflikt wird eine Situation verstanden, in der mehrere Beteiligte eine Unvereinbarkeit in ihren Gedanken, Wahrnehmungen, Gefühlen oder Zielen im Verhältnis zu anderen wahrnehmen. Dies kann ihr Verhalten beeinflussen. Allerdings bedeutet nicht jede Meinungsverschiedenheit oder jeder Gegensatz automatisch einen Konflikt. Ausschlaggebend ist, dass mindestens eine Partei die andere als bedeutend für die eigene Lage ansieht und sich in gewisser Weise von ihr beeinflusst oder abhängig fühlt.

Lange galten Konflikte als Störfaktoren innerhalb funktionierender Systeme. Heute werden sie zunehmend als Motor für Veränderung und Innovation erkannt. Eine konstruktive Auseinandersetzung mit widersprüchlichen Anforderungen kann zu kreativen Lösungen führen, die verschiedene Interessen optimal vereinen. Zudem ermöglichen Konflikte eine genauere Anforderungsdefinition und verbessern so die Qualität des finalen Systems.

Konfliktmanagement als Erfolgsfaktor

Business Analyst:innen sind nicht nur für das Erheben und Dokumentieren von Anforderungen verantwortlich, sondern auch für deren Abstimmung und Vermittlung zwischen den Stakeholdern. Treten Unstimmigkeiten auf, muss er/sie geeignete Konfliktmanagementstrategien anwenden, damit das Potenzial von Konflikten im Sinne einer optimalen Lösungsfindung genutzt werden kann. Die vier zentralen Aufgaben des Konfliktmanagements sind:

Praxisbeispiel: Konfliktmanagement bei der Cloud-Migration

Ein mittelgrosses Softwareunternehmen plant die Migration seiner gesamten Produktplattform in die Cloud, um Skalierbarkeit, Innovationsgeschwindigkeit und internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Zur Unterstützung wird eine externe Business Analystin beigezogen, welche die Anforderungen systematisch erheben und die Kommunikation zwischen den beteiligten Abteilungen moderieren soll.

Die Business Analystin führt Interviews mit Stakeholdern aus unterschiedlichen Bereichen: Entwicklung, IT-Sicherheit, Legal & Compliance, Produktmanagement, Kundendienst und Controlling. Zusätzlich moderiert sie mehrere interaktive Workshops und setzt Story Mapping ein, um die Bedürfnisse der Endnutzer:innen zu visualisieren und Prozesse sichtbar zu machen.

Bereits in der ersten Workshoprunde erkennt die Business Analystin mehrere potenzielle Konflikte:

  • Interessenkonflikt: Entwicklung wünscht schnelle Migration, IT-Sicherheit fordert einen kontrollierten Übergang.

  • Wertekonflikt: Die Rechtsabteilung verlangt Hosting in der EU, das Produktmanagement möchte US-Anbieter nutzen.

  • Struktureller Konflikt: Die Finanzabteilung setzt enge Budgetgrenzen, technische Abteilungen fordern flexiblere Ressourcen.

  • Benennungskonflikt: Unterschiedliche Definitionen des Begriffs «aktive Nutzer:innen» führen zu Reporting-Problemen.

Die Business Analystin analysiert die Ursachen mit Root-Cause-Analysen, Stakeholder-Mapping und Konfliktklassifizierung. In einem strukturierten Mediationsworkshop bringt sie alle relevanten Stakeholder an einen Tisch. Sie nutzt die Harvard-Methode, Story Mapping zur Visualisierung von Nutzerperspektiven sowie Entscheidungsbäume zur Evaluierung möglicher Migrationsstrategien.

Gemeinsam mit den Stakeholdern entwickelt sie eine hybride Migrationsstrategie, die technologische Innovation mit regulatorischer Sicherheit vereint:

  • Schrittweise Migration: Zunächst werden nur Testumgebungen und nicht-kritische Systeme in eine Public Cloud überführt.

  • Sicherheit durch Segmentierung: Kritische Systeme bleiben vorerst on-premise oder wandern in eine abgesicherte Private Cloud.

  • Compliance und Monitoring: Die Business Analystin unterstützt die Definition von Anforderungen an Logging, Verschlüsselung und Zugriffskontrollen, um die DSGVO-Vorgaben abzusichern.

  • Transparente Kostenstruktur: In Zusammenarbeit mit dem Controlling entsteht ein Phasenbudget mit Meilensteinen und Controllingpunkten.

  • Standardisierung der Begriffe: Ein Glossar wird erstellt, um Begriffsdefinitionen im Unternehmen zu vereinheitlichen – z. B. «aktive Nutzer:innen», «Migration abgeschlossen», «Kundensicht».

Entscheidungsbäume helfen dem Management, verschiedene Lösungsszenarien objektiv zu bewerten und ermöglichen eine evidenzbasierte Auswahl der umzusetzenden Strategie.

Alle getroffenen Entscheidungen, Kompromisse und verworfenen Alternativen werden in der zentralen Anforderungsspezifikation dokumentiert. Die Business Analystin etabliert ein monatliches Review-Format, bei dem offene Punkte nachverfolgt und neue Anforderungen kontrolliert eingebracht werden können. Zudem wird ein Lessons-Learned-Dokument erstellt, das zukünftige Cloud-Initiativen im Unternehmen unterstützen soll. Besonders hervorgehoben wird der Mehrwert, den das strukturierte Konfliktmanagement im Sinne der Projektsicherheit und Stakeholder-Zufriedenheit gebracht hat.

Fazit: Konflikte als Chance und Herausforderung

Konflikte sind ein natürlicher Bestandteil komplexer Projekte – insbesondere in der Business Analyse, wo unterschiedliche Interessen, Sprachen und Ziele aufeinandertreffen. Sie fordern von Business Analyst:innen nicht nur fachliches, sondern auch methodisches und soziales Können.

Richtig erkannt und gesteuert, bergen Konflikte ein enormes Innovationspotenzial. Sie helfen, verborgene Anforderungen aufzudecken, kritische Erfolgsfaktoren zu identifizieren und nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Entscheidend ist, dass Business Analyst:innen Konflikte nicht scheuen, sondern sie gezielt und professionell bearbeiten. Mediation, Moderation und strukturierte Entscheidungsverfahren sind dabei zentrale Werkzeuge.

Business Analyst:innen sind Brückenbauer:innen. Sie verbinden Perspektiven, übersetzen Bedürfnisse und schaffen Klarheit. Wer Konflikte konstruktiv moderiert, stärkt nicht nur das Projektergebnis, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten.

Konflikte in der Business-Analyse sind keine Hindernisse – sie sind der Weg zur besseren Lösung.

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